Montag, 18. September 2006, 18.30-21.30 Uhr
Im Ratskeller Stuttgart, Marktplatz
Soziale Verantwortung als Schlüssel zum
Unternehmenserfolg
Wie setzen Firmen CSR (Corporate Social Responsibility) in die Praxis um?
Wir wagen die These: CSR ist nicht neu, sondern gute Praxis bei vielen Firmen.
Firmenvertreter stellen sich mit konkreten Beispielen vor und zeigen, dass soziale verantwortliche Unternehmenspolitik wirtschaftlichen Erfolg bewirken kann.
Corporate Social Responsibility – ein Begriff, der nicht leicht über die Lippen geht. Selbst wenn wir das Akronym CSR im Kopf behalten, so muss man sich die drei Wörter doch immer wieder mühsam zusammensetzen.
Was steckt hinter diesem Begriff, der in den deutschen Dokumenten der EU mit SVU – soziale Verantwortung von Unternehmen übersetzt wird? Der Verein für Humanes Wirtschaften hatte am 18.9. zu einem Themenabend Soziale Verantwortung als Schlüssel zum Unternehmenserfolg eingeladen, um dieses Thema für alle Interessierten greifbarer zu machen.
CSR ist ein EU-Thema. Mit dem Grünbuch vom Juli 2001 hat die EU das Nachdenken über Unternehmen und deren sozialer Rolle angestoßen. Es sollten Konzepte erarbeitet werden, Diskussionsforen gebildet werden etc.
Die Vereinsmitglieder von Humanes Wirtschaften hatten sich zum Ziel gesetzt, unter mitwirkung von im Stuttgarter Wirtschaftsraum ansässigen Firmen Beispiele konkret gelebter Sozialer Verantwortung zu zeigen. Dabei geht es nicht darum, aus der Vielzahl der möglichen Facetten dieses sehr komplexen Themas anhand eines Unternehmens zu beleuchten. Es geht den Vereinsmitgliedern darum, anhand von konkret gelebten Beispielen Firmenwerte und –Strategien zu sozialer Verantwortung aufzuzeigen und damit das Auge für diese Dinge zu schärfen.
Die drei Säulen von CSR
- Wirtschaftliche Entwicklung
- Soziale Entwicklung
- Ökologische Entwicklung
wurden in der Praxis angeschaut.
Die Laurel GmbH, ein Hersteller von Kunststoff-Büroklammern, wurde durch Frau Sieglinde Edlinger – zuständig für die Leitung der operativen Geschäfte – repräsentiert. Ansässig in Aichwald bei Esslingen hat die Laurel GmbH ihre Fertigung von Kunststoff-Bürohelfern seit 1953 aufgenommen und behauptet sich bis heute auf diesem ansonsten von Fernost stark beherschten Markt. 12 Mitarbeiter sind in Aichwald beschäftigt.
Frau Edlinger stellte anschaulich dar, dass trotz asiatischer Konkurrenz mit in Deutschland eingekauften ökologisch sortenreinem Kunststoff und allergiefreien Farbstoffen Geld verdient werden kann. Ein großes Thema in diesem Bereich sind sicher die vielen Patentanmeldungen, die Laurel seit Anbeginn eine alleinige Fertigung ermöglichen.
Am Beispiel von Laurel sehen wir sehjr deutlich, wie selbst bei schwieriger Absatzsituation seit langer Zeit soziale Verantwortung im Tagesgeschäft gelebt wird. Die Mitarbeiter rekrutieren sich aus dem Umfeld und haben langfristig einen Arbeitsplatz. Statt die ansonsten lohnintensive Handarbeit außer Landes zu geben, werden einfache Tätigkeiten wie die Konfektionierungen kontinuierlich von einer nahe gelegenen Behindertenwerkstatt übernommen.
Vorbildlich sind im Falle von Laurel auch die Sorgfallt in Bezug auf den ökologisch unbedenklich und bestmöglichen Einkauf und die Reduktion von Abfall durch sofortige Wiederverwendung in der gleichen Maschine.
Als 2. Beispiel kam Frau Förstner, Abteilungssekretärin bei Alcatel Transport Solutions Deutschland GmbH in Stuttgart zu Wort. Frau Förstner, die nächstes Jahr das 25 jährige Firmenjubiläum feiern wird, schilderte, wie vor wenigen Jahren ein Schulungskonzept erfolgreich bei Alcatel eingeführt wurde.
Schulung als notwendige Vorraussetzung dafür, in der Arbeit auf dem neuesten Stand zu bleiben, sich weiterzuentwickeln und aber auch über Abläufe, eingeschliffene Handlungsweisen nachzudenken. Besonders Beeindruckend war, dass der Besuch von Schulungen gefordert wird, unabhängig vom Alter. An Frau Förstners eigenem Beispiel konnten wir spüren, dass das Zusammenspiel von älteren und jüngeren Mitarbeitern sehr viel Früchte trägt – beide Seiten voneinander lernen und profitieren können und ein Zusammengehörigkeitsgefühl entstehen kann, so dass wir gehört haben: Ich gehe sehr gerne zur Arbeit und fühle, dass das Geben und Nehmen gleichermaßen zwischen den verschiedenen Altersgruppen zum Tragen kommt.
Alcatel, das ja lange genug durch die Globalisierung gebeutelt war, wurde uns als ein Unternehmen geschildert, in dem die sozialen Verantwortungen im Bereich ‚lebenslanges Lernen’ sehr intensiv gelebt wird.
Der letzte Teil des Abends führte in eine ganz andere Branche, nämlich die Modebranche. Als Vertreterinnen kamen Frau Ingeborg Krause Müller (Modefachgeschäft in Weissach) und Frau Tatjana Gali (Modedesignerin aus Waiblingen) zu Wort. Angesichts der wachsenden Billigkonkurrenz im Textilbereich, die mehr und mehr kleine Unternehmen zur Aufgabe zwingt, erscheint die Präsenz dieser zwei Unternehmerinnen wie eine kleine Insel, die es zu unterstützen gilt, nicht nur weil eine Branche verschwindet, sondern auch weil beide in ihrem Engagement für ihre Kunden als gutes Beispiel erscheinen. Die soziale Verantwortung spannt einen weiten Bogen: Die Verwendung von gesundheitlich unbedenklichen Materialien ist ebenso im Fokus wie auch die Sorge, dass z. B. keine Kinder in der Verarbeitungskette beteiligt sind. Die Kunden der beiden Frauen sind regional ansässig, viel Stammkundschaft und Neukunden durch Empfehlungen sind hier Notwendig und typisch. Ganz auf die Stammkundschaft eingekaufte Ware und ein rigoros groß geschriebenes Dienstleistungsprinzip werden gepflegt. Besonders interessant für die Überlegung der Sozialen Verantwortung ist das gegensesitige Leben-lassen, indem zum Beispiel die aus der Werkstatt von Frau Gali kommenden Kleidungsstücke bei ihr und bei Frau Krause Müller zum gleichen Preis angeboten werden. Vorlieferanten werden preislich nicht wie eine Zitrone ausgepresst. Da die Waren oftmals gezielt für bereits bekannte Kundinnen gefertigt oder auch eingekauft werden, bleiben auch ganz wenige Stücke übrig. Ein Billigverkauf ist nicht sinnvoll, denn damit würde man ja den regulären Kauf im nachhinein unglaubwürdig machen. In der Diskussion wurde auch klar, welches Branchenwissen bei diesen beiden Frauen vorhanden ist, das man als Kunde – einer der Stakeholder (=Anspruchsberechtigte) – sich für einen gezielten Einkauf wünscht. Zugegeben – für beide Unternehmen ist eine Nachfolge nicht in Sicht – dennoch wäre es mehr als schade, wenn diese Art von Unternehmen komplett verschwinden würden, denn es geht damit eine Kultur der sozialen Verantwortung verloren.
Alle diese Praxisbeispiele zeigen, wie vielschichtig das Thema Soziale Verantwortung in Unternehmen ist und dass es von den Menschen selbst gelebt und getragen werden muss. Es geht nur im Zusammenspiel von Marktmöglichkeit – das Unternehmen muss langfristig bestehen können – einer Geschäftsleitung, die die Gedanken aufnimmt, ins Unternehmen einführt, zur Firmenkultur werden lässt, den Mitarbeitern, die diese Verantwortung an ihrem Arbeitsplatz täglich leben und letztendlich den Kunden, die dafür ein Auge haben und auch bereit sind, durch ihren Einkauf zum Bestand dieser Unternehmen beizutragen.
Ulrike Baral, Oktober 2006
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